100 Jahre Hugo Stiehl

01.11.2019

In einer recht schwierigen Zeit, Ende des 1. Weltkrieges und Beginn der Weltwirtschaftskrise, wagte Robert Hugo Stiehl am 01. Oktober 1919 die Anmeldung eines Gewerbes zur Herstellung von Kleinkartonagen. Wie es zu dieser Zeit im Erzgebirge viel verbreitet war begann die Fertigung in der eigenen Wohnung.

Die Produktion wuchs und so erwarb man 1926 ein Grundstück in Crottendorf, den alten Firmenstandort auf dem Güterweg. Auf diesem Grundstück errichtete man in den Folgejahren mehrere Fertigungsgebäude und ein Wohnhaus. Anfang der 30er Jahre wurde die Holzverarbeitung weiter ausgebaut und ein Sägewerk erbaut. Hauptprodukte waren in dieser Zeit Kleinkartonagen, Zulieferungen von Griffen für Kamillo Schreiber, Konfektionsspritzen und Sargfüße. Der heutige Firmensitz wurde 1941 käuflich erworben und von diesem Zeitpunkt an ausgebaut.

Durch den 2. Weltkrieg kam es zu einem drastischen Einschnitt in <s>die</s> der Produktion. Nach der Kapitulation von Hitlerdeutschland nutzte die sowjetische Besatzungsmacht das Erbgerichtsgebäude als Kommandantur und den Lagerplatz hinter dem Erbgericht als Holzlager. Hier baute die Besatzungsmacht Kisten zum Verpacken von Maschinen, die als Reparationsleistungen in die Sowjetunion gebracht wurden.

Nach dem Krieg war der Start der Produktion sehr schleppend. Es gab erhebliche Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Rohstoffen und Produktionsmitteln. Ein weiterer Schlag war Anfang der 50-iger Jahre der Entzug der Genehmigung zum Einschlag und Einschnitt von Holz. 

Paul Stiehl hatte die Idee, die bisher aus Holz gefertigten Sargfüße und Beschläge aus Duroplast zu fertigen. Anfang der 50-iger Jahre begann man im damaligen Sägewerk eine Presserei aufzubauen.

Die erste Presse wurde aus einer alten Ölmühle beschafft. Zu dieser Zeit war die Beschaffung von Pressen, Pressenzubehör, Hydraulikventilen und Schiebern fast unmöglich. Aus diesem Grund wurde  die gesamte Presserei in Eigenleistung errichtet.  Die Anfangsjahre waren schwierig. Pressmassen wurden kontingentiert und die Fa. Hugo Stiehl besaß keine Kontingent. Paul Stiehl entwickelte eine eigene Pressmasse. Er nutzte dabei das anfallende Holzmehl aus der Holzverarbeitung und kaufte aus Espenhain eine Phenolharzlauge zu. Die neue Fertigung des Pressens wurde ausgebaut und man begann mit der Herstellung von technischen Formteilen aus Duroplasten.

Anfang der 60-iger Jahre begann man mit der Technologie des Thermoplastspritzgießens. Im Gebäude der Presserei wurden 2 Spritzgießmaschinen, die in Eigenleistung hergestellt wurden, installiert. Mit einer verhältnismäßig primitiven Technik wurden komplizierte Zulieferteile, wie große und kleine Oberteile für Meßgeräte Beierfeld und Zulieferungen für Grubenlampe Zwickau, hergestellt. 

Im Jahre 1965 musste die Firma Hugo Stiehl, auf Drängen der staatlichen Organe, eine staatliche Beteiligung aufnehmen.

Am 21.3.1972 gegen 20 Uhr wurde Herr Paul Stiehl vom Rat des Kreises, Abt. Finanzen, Annaberg angerufen, dass er sich am 22.3.1972 um 8 Uhr beim Rat des Kreises, Abt. Finanzen zu erscheinen habe. Beim Rat des Kreises wurde ihm mitgeteilt, dass er sein Unternehmen an den Staat verkaufen soll. Der bereits fertige Vertrag musste unter Androhung der Kündigung der Kredite unterschrieben werden. Ab diesem Zeitpunkt war die Hugo Stiehl KG ein Staatsbetrieb und wurde in VEB Plastverarbeitung umbenannt. 1980 erfolgte dann der Zusammenschluss aller kunststoffverarbeitenden Unternehmen in der Region zur VEB Plasta. Im Unternehmenszusammenschluss arbeiteten 270 Mitarbeiter. 90 % der Produktion waren Zulieferteile für Großkombinate und Großunternehmen.

Der leitungsmäßige Zusammenschluss der Unternehmen des VEB Plasta brachte in den 80-iger Jahren erhebliche Probleme und es war ein ständiger Kampf um Investitionen und Vorgaben von realen Plänen.

Mit der Wende 1989 ergab sich die Möglichkeit das Unternehmen zum 01.06.1990 zu reprivatisieren. Gestartet wurde als Crottendorfer Kunststo<s>f</s>fverarbeitung bis im August 1990 der alte Name „Hugo Stiehl“ wieder genehmigt wurde. Die Hugo Stiehl GmbH war in vierter Generation wieder am Markt tätig. Herr Gotthold Heß und Herr Jürgen Burkert wagten mit viel Energie den Neuanfang im wiedervereinten Deutschland.

Nach der Einführung der Deutschen Mark brachen große Teile des bisherigen Marktes weg. Aus diesem Grund wurde damit begonnen eigene Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Nach der Herstellung erster Werkzeuge für Hauhaltwaren und Pflanzgefäße wurden Verträge mit Großhandelsunternehmen abgeschlossen. Dies ermöglichte einen systematischen Wiederaufbau der Fertigung. Neben den eigenen Produkten wuchs auch der Bereich der technischen Zulieferteile. Man gewann neue Kunden im Territorium und in ganz Deutschland.

Durch den unermüdlichen Einsatz der beiden Inhaber Gotthold Heß und Jürgen Burkert wurden die schwierige Zeit überstanden und das Unternehmen erholte sich. 1995 wurde das neue Werk im Gewerbegebiet bezogen. In den nächsten Jahren entstand im Gewerbegebiet ein Lager und der Standort wurde weiter ausgebaut. Von 2001 bis 2004 erfolgte die vollständige Sanierung und Erweiterung des „Altstandortes“.

Ein stetiger technischer Fortschritt und die Einführung neuer Technologien ermöglicht es den steigenden Kundenanforderungen gerecht zu werden. Heute werden technische Teile für die Automobilindustrie, Elektrotechnik, Medizintechnik und weiterer Bereiche produziert. Geliefert wird mittlerweile weltweit. Die Haushalt- und Gartenartikel sind in vielen Geschäften erhältlich.

2010 verunglückt der langjährige Geschäftsführer und Inhaber Gotthold Heß bei einem Autounfall tödlich. Die beiden Kinder Katrin Viertel und Peter Heß führen gemeinsam mit Jürgen Burkert das Unternehmen weiter.

In diesem Jahr können wir als Familienunternehmen in der 4. und 5. Generation auf eine 100jährge Firmengeschichte mit vielen Ereignissen zurückschauen. Wir bedanken uns bei unseren Mitarbeitern die wesentlich zum Erfolg des Unternehmers Hugo Stiehl beigetragen haben.